|
Mein Praktikum in Krakau
Eugen Parchomow, Schüler der Höheren Handelsschule des Paul-Spiegel-Berufskollegs, macht ein Praktikum in einer polnischen Firma, die Computerspiele herstellt

Ein fremdes Land, eine Großstadt und ein Job bei einer renommierten Firma für die Entwicklung von Computerspielen. Das hörte sich ganz nach einem perfekten Aufenthalt an: Endlich würde ich lernen, wie die Spiele entstehen, mit denen ich mir so gerne die Freizeit vertreibe. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…
Schon der Weg zur Firma hielt einige Überraschungen bereit: Aufgeregt wie ein Kleinkind zu Weihnachten saß ich im Bus, der mich direkt zu dem Unternehmen brachte. Ich schaute nach links und rechts um das Firmengelände zu entdecken. Ich weiß nicht, was ich erwartete, vielleicht ein mit großen Leuchtbuchstaben geschmücktes Gebäude: Traumfabrik. Aber ich wurde zu einem unscheinbaren Wohnhaus geführt.
Ein Mitarbeiter öffnete mir die Tür und wir gingen direkt durch einige Räume rüber zum sogenannten Marketing Department. Ein Raum mit vier Mitarbeitern und fünf Computern erwartete mich. Dies sollte also mein Arbeitsplatz für die nächsten vier Wochen werden. Die Räumlichkeiten waren einfach und überschaubar: das Marketing Department, das GamesLab, der Control Room. Nebenbei: Nicht nur die Computerspielsprache ist englisch, sondern auch die Kommunikation hier vor Ort erfolgte auf Englisch. Obwohl wir natürlich hier auch einen Polnischkurs für Anfänger besuchen.
Dann wurde ich zu meinem Arbeitsplatz, sprich zu meinem Computer geführt. Erst einmal brauchte ich haufenweise Passwörter und Zugangsdaten, die ich alle brav mit einem Häkchen bei „Auf diesem Computer speichern” eingab und wieder aus meinem Gedächtnis löschte, was sich später einmal als fataler Fehler herausstellen sollte. Dann musste ich mir die gesamte Software herunterladen. In der ersten Woche wurden mir Spiele zugesendet, die ich allesamt spielen sollte, dann musste ich Screenshots machen und etwas dazu schreiben - natürlich auf Englisch - und dann musste alles auf den hauseignen Server geladen werden. Den ganzen Tag spielen hört sich vielleicht für den einen oder anderen nach dem Traumjob an, aber auch spielen wird nach einer gewissen Zeit monoton. In der zweiten Woche bekam ich dann aber eine Aufgabe, die mehr Verantwortung mit sich bringen sollte. Die Kollegen hatten ein Spiel für das I-Phone fertig gestellt und ich sollte nun auf dem deutschen Internetmarkt nach passenden Marketingmöglichkeiten Ausschau halten. Nach drei Stunden Recherche präsentierte ich meiner Kollegin im Büro stolz eine Liste prall gefüllt mit deutschen Seiten, die neue Spiele vorstellen und anpreisen. Den Pressebericht für dieses Spiel durfte ich übersetzen. Diese Aufgaben haben mich mehrere Tage beschäftigt.
Als ich am nächsten Tag mit meiner Arbeit beginnen wollte, war auf mysteriöse Art und Weise das Betriebssystem auf meinem Computer verschwunden. Das musste natürlich schnellstmöglich neu installiert wurde, inklusive des brandneuen Windows 7, das ich sofort erkunden wollte. Doch jetzt kam das Problem. Die gesamten Zugangsdaten und Passwörter wurden bei der Installation gelöscht und da ich mir die Daten nirgends notiert hatte, musste alles neu beschafft werden. Auch alle Software musste ich mir wieder runterladen.
Die Mittagspausen verbringe ich mit meinen Kollegen und wie es sich für eine Softwarefirma gehört, bestellen wir unser Essen aus einer langen Liste im Internet. Das Essen wird uns dann bis vor den Computer geliefert - das nenne ich Service!
Am Mittwoch, den 11. November, feiert man in Polen den Tag der Unabhängigkeit. An diesem Feiertag bin ich von der Belegschaft zu einem Kinobesuch eingeladen worden, wo wir uns die Premiere des Films 2012 angesehen haben. Ich hatte befürchtet, dass ich mir den Film auf Polnisch ansehen müsste, doch wurde der Film zu meiner Erleichterung in Englisch mit polnischen Untertiteln ausgestrahlt.
Obwohl ich bis jetzt noch keinen Einblick in die Welt des Programmierens bekommen habe, bin ich doch sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Die Kollegen sind alle sehr freundlich zu mir und es ist interessant zu erleben, wie Marketing komplett über das Internet funktionieren kann. Überhaupt habe ich mich sehr gut in die Firma integriert. Ich schätze, dass die Erfahrungen, die ich während meines Aufenthalts hier gesammelt habe, mir in meinem späteren Leben von großem Nutzen sein werden. Und dennoch freue ich mich wieder auf zu Hause. Und meine Computerspiele spiele ich jetzt mit anderen Augen.
Bildunterschrift:
Eugen Parchomow an seinem Arbeitsplatz in Krakau.
|